Bienen in unserer Umwelt

Vortrag beim Meeting des RotaryClubs Quedlinburg am 31.7.1996

Ute Michaelis

Ich will versuchen, in der kurzen Zeit die hier für Vorträge üblich ist, Sie in einen kleinen Teilbereich der Wunderwelt der Insekten zu entführen und ich habe die Hoffnung, daß einige der hier Anwesenden in Zukunft die Hymenopteren (Hautflügler) mit mehr Aufmerksamkeit betrachten und Blumenliebhaber unter ihnen ihre Balkon- und Gartenpflanzen ein wenig auf die Bedürfnisse dieser Tierchen um- bzw. Einstellen.

Der Bienenschwarm

Allgemein bekannt sind die Honigbienen. Lassen Sie mich einige interessante Details aus dem Leben dieser staatenbildenden Insekten sagen. Da die Ursache ihres Wunsches, etwas über Bienen zu erfahren, ein Bienenschwarm ist, der im vergangenen Sommer am Baum vor dem Schloßkrug hing, beginne ich mit der Bildung eines Schwarms.

Was ist die Ursache der Entstehung eines Bienenschwarms ? Es ist die natürliche Art der Vermehrung eines Honigbienenvolkes. Einem Bienenvolk ist es in seiner Höhle bzw. Beute zu eng geworden. Die Honigvorräte blockieren den Platz, den die Königin zum Eierlegen braucht (3000 pro Tag). Die Jungbienen werden den Überschuß an Futtersaft, den sie in ihren Ammen drüsen produzieren, nicht los, da die Abnehmer, die jungen Larven, in nicht genügender Zahl vorhanden sind. Etwa 30 - 40 Schwarmzellen werden errichtet und die Königin wird gezwungen diese zu bestiften, d.h.ein Ei hineinzulegen. Nach 3 Tagen schlüpfen aus den Eiern die winzigen Larven, die sich über das Rundmadenstadium auf Grund der guten Fütterung mit Weiselfuttersaft sehr schnell zu Streckmaden entwickeln. In diesem Stadium (nach 9 Tagen) werden die Weiselzellen verdeckelt. Sobald die erste Weiselzelle verdeckelt ist, rüstet das Volk zum Schwarm.

Mit Beginn der Schwarmstimmung läßt der Nektarsammeleifer nach, wohin auch mit Vorräten. Die Königin wird weniger gut gefüttert, damit sie wieder flugfähig wird. Auch die Bautätigkeit hört auf. Ist gutes Wetter, zieht etwa die Hälfte des Volkes mit Bienen aller Altersstufen hinaus und hängt sich erst einmal in Form einer Traube in die unmittelbare Nähe seines zu Hause auf. Die alte Königin wird, ob sie will oder nicht, hinausgetrieben. Arbeitsbienen suchen den Ort der Traube aus, die Königin folgt ihnen. Hat sich der Schwarm gesetzt fliegen Spurbienen, d.h. alte erfahrene Flugbienen aus, um ein geeignetes Domizil zu finden. Hat eine Suchbiene eine geeignete Höhle gefunden, kehrt sie zum Schwarm zurück und führt einen Tanz auf, der den ihr folgenden Bienen genau die Richtung und die Entfernung anzeigt. Sie fliegen zu der entdeckten "Höhle" untersuchen sie und führen nun ihrerseits Tänze auf, um die anderen Bienen von der Güte der untersuchten Höhle zu überzeugen. Das passiert allerdings mit mehreren Orten und der Schwarm muß sich entscheiden, welches wohl die geeignetste neue Behausung ist. Wird in unmittelbarer Nähe von cirka 6 km nichts gefunden, zieht der Schwarm weiter und derselbe Vorgang fängt von neuem an. Entscheidet sich der Schwarm für einen Ort, geht er in die Lüfte und zieht ein.

Ein Schwarm führt Honigvorräte für 3 Tage in den Honigmägen der Bienen mit sich, ebenso sind Baubienen dabei und sofort werden Waben errichtet, in welche der mitgebrachte Honig gelagert wird,gleiches geschieht mit dem Pollen, den die Pollenbienen , die mit von der Partie waren, mit sich geführt haben. Die Königin beginnt sobald die ersten Zellen fertig sind mit der Eiablage. Nun wächst der Bau, die Brut wird gepflegt, die Sammelbienen sammeln eifrig Nektar und Pollen, die Baubienen bauen, die Pflegebienen füttern die neue Brut und die Putzbienen sorgen für Sauberkeit. Sie haben alle bis zum Spätsommer viel zu tun, um für den kommenden Winter gerüstet zu sein und um ihn zu überleben.

Was passiert nun im Restvolk ? Nach 16 Tagen schlüpft die erste Schwarmkönigin und wieder teilt sich das Volk und so weiter mit jeder geschlüpften Jungkönigin. Zuweilen fliegen auch mehrere Königinnen in einem Schwarm mit und bringen sich später gegenseitig um, bzw. die Arbeitsbienen entscheiden sich für ein Tier, meist für das, was zuerst begattet ist. Hat der Imker verpaßt rechtzeitig einzugreifen, hat er nur noch eine Handvoll Bienen in der Beute. Das ist aber von Fall zu Fall verschieden. Ursache für den Verlauf des Schwärmens sind das Wetter, die Jahreszeit und das Nahrungangebot.

Die Nachschwärme sind darauf angewiesen, daß noch eine ausreichende Zahl von Drohnen vorhanden sind, was ebenfalls von Jahreszeit und Trachtangebot abhängig ist. Das wäre das wichtigste zum Thema Schwarm.

Jeder, der schon einmal einen Blick in einen Bienenstock getan hat, wird sich gefragt haben, ob denn in diesem Wirrwarr von Tausenden von Bienen, die auf den Waben summen und herumlaufen, überhaupt eine positive Zusammenarbeit möglich ist. Aber es ist kein Zweifel: Eine solche Zusammenarbeit besteht. Wie wäre es sonst verständlich, daß diese wunderbaren, regelmäßigen Waben gebaut werden, daß Brut in aller Ordnung aufgezogen wird, daß Nektar und Pollen eingetragen und gestapelt werden? Wenn wir einzelnen Bienen in diesem scheinbaren Wirrwarr unser Augenmerk schenken, indem wir sie mit einem Farbtupfer markieren und dann ihre Tätigkeit über eine längere Zeitspanne aufzeichnen, registrieren wir, daß jedes Individuum einer regulären Arbeit nachgeht, so, als hätte es genaue Instruktionen über das, was es in jeder Minute zu tun hat.

Wie verständigen sich die Bienen untereinander, um eine derart harmonische Zusammenarbeit zustande zu bringen ? Zu allererst müssen wir uns orientieren, welche Tätigkeiten in einem Bienenvolk zu verrichten sind. Da gibt es die Baubienen, die das kunstvolle Wabenwerk errichten. Eng zusammengedrängt in einer "Bautraube" schwitzen sie aus ihren Wachsdrüsen auf der Bauchseite dünne Wachsschuppen aus. Diese Schuppen spießen sie mit den sogenannten Wachsziehern auf (Borsten am Ende des Metatarsus, also des ersten Fußgelenks am hinteren Beinpaar), reichen sie dann mit den beiden anderen Beinpaaren zu den Mandibeln weiter, kauen sie zurecht und fügen diese Klümpchen dann Stück für Stück zu den regelmäßigen Sechseckzellen.

Die Brutammen sind ständig damit betraut, die Larven in den offenen Zellen zu inspizieren. Sie verabreichen das Larvenfutter, das in den ersten drei Tagen aus dem Sekret der Ammendrüsen, die sich im Kopf der Bienen befinden, besteht. Für die älteren Larven werden diesem hochwertigen Drüsensekret auch Pollen und Honig beigemischt. Die Ammenbienen haben es in der Hand aus den weiblichen Larven Arbeitsbienen oder wenn nötig Königinnen heranzuziehen. Der Titer des Juvenilhormons stellt hierbei die entscheidende Weiche.

Wieder eine andere Gruppe ist mit den Reinigungsdienst beauftragt. Sie muß die Zellen für die Eiablage vorbereiten, d.h., diese Zellen reinigen aber auch mit einem bakteriziden Sekret austapezieren. Man darf sagen, daß die Kinderstube der Bienen, was Hygiene und Fürsorge betrifft, mustergültig ist. In der Tat gedeihen auch die Larven prächtig: In 5½ Tagen sind sie ausgewachsen und schicken sich zur Verpuppung an. Würde ein menschlicher Säugling genau soviel an Gewicht zunehmen wie eine Bienenlarve, dann hätte er bei einem Ausgangsgewicht von 2,5 kg in 5½ Tagen 600 kg zugenommen.

Wir dürfen die Honigmacher nicht vergessen, die aus dem Nektar durch Fermentieren und Eindicken den haltbaren Honig bereiten, wobei Saccharose in die wertvolle Dextrose und Laevulose umgesetzt wird.

Die Pollenstampfer wären zu nennen, die die abgestreiften Pollenhöschen in den Zellen feststampfen, damit auch diese eiweißreiche Nahrung gespeichert werden kann.

Die Wächterbienen beziehen ihren Posten Tag für Tag am Nesteingang, um dort Feinde abzuwehren, etwa Hornissen oder Räuberbienen aus anderen Stöcken.

Und zuallerletzt sei die große Schar der Pollen- und Nektarsammler erwähnt, die damit beschäftigt sind, das Futter für das gesamte Volk herbeizuschaffen. Aus diesen Beobachtungen ließe sich folgern, daß jede Biene von Jugend an sich für eine bestimmte Tätigkeit spezialisiert, sei es nun als Ammenbiene, als Baubiene oder Sammlerin. Das ist aber keineswegs der Fall. Jede Arbeiterin vollführt hintereinander alle die aufgeführten Tätigkeiten und folgt dabei einem Arbeitskalender, der die einzelnen Aufgaben einem bestimmten Lebensalter zuschreibt.

Unmittelbar nach dem Schlüpfen wird die junge Biene für etwa 3 Tage dem Reinigen von Zellen zugeteilt; dann wird sie zur Gruppe der Ammenbienen zugeordnet. Vom 10. bis 16. Lebenstag etwa betätigt sie sich als Baubiene, anschließend sieht man sie für für einige Tage Nektar abnehmen und Pollen strampfen. Um den 20.Tag herum hält sie sich als Wächterbiene am Stockeingang auf; von der 3. Woche an bis zu ihrem Lebensende ist sie als Sammelbiene draußen in Feld, Wald und Wiese tätig.

Das Problem der Arbeitsteilung ist also scheinbar so gelöst, daß entsprechend dem Lebensalter alle Tätigkeiten automatisch reguliert sind. Eine gegenseitige Verständigung auf dem Arbeitsmarkt wäre somit überflüssig. Diese Annahme wird noch gestützt durch die Tatsache, daß die verschiedenen Beschäftigungen jeder Biene mit einem anderen Wechsel ihres physiologischen Zustandes gekoppelt sind: Die Ammendrüsen sind am höchsten entwickelt vom 5. bis zum 10.Lebenstag und die Wachsdrüsen vom 10. bis zum 20. Tag, also jeweils zu der Zeit, zu der sie für die zuständige Tätigkeit gebraucht werden. Nach dieser Lebensperiode stellen die genannten Drüsen ihre Tätigkeit vollkommen ein.

Diese allerersten Befunde der Bienenforschung waren jedoch nicht ganz zufriedenstellend: Angebot und Nachfrage für die verschiedenen Tätigkeiten sind in einer Bienengesellschaft niemals voll ausbalanziert. Sie sind abhängig vom Wetter, vom Trachtangebot, von der jeweiligen Anzahl der Larven u.a.m. Das heißt, daß unter Umständen an einem Tag mehr Larven zu versorgen sind, an einem anderen Tag wieder weniger; nach einer langen Schlechtwetterperiode kann plötzlich gutes Trachtwetter einsetzen, und da ist es wichtig, daß möglichst viele Sammlerinnen zur Verfügung stehen, um das Futterangebot optimal zu nutzen. Vielleicht wird auch bald der Platz für die Honigspeicherung zu eng und es werden zusätzlich Baubienen zur Erweiterung des Wabenraumes gebraucht. Nimmt der Bienenstaat solche Unregelmäßigkeiten, die durch unberechenbare äußere Faktoren bedingt sind und die gesamte Harmonie auf dem Arbeitsmarkt ernstlich gefährden, ohne Gegenmaßnahmen hin oder können die Bienen Vorsorge treffen, daß an jedem Tag, an jedem Arbeitsplatz die benötigte Anzahl von Arbeiterinnen sich einstellt, nicht zu viele und nicht zu wenige?

Ein erstes Experiment zu dieser Frage wurde 1930 gemacht. Ein Herr Rösch hatte versucht, durch künstlichen Eingriff die Arbeitsteilung der Bienengemeinschaft durcheinander zu bringen. Von einem Bienenvolk nahm er alle Ammenbienen und von einem andern alle Trachtbienen. Das gelingt ohne Schwierigkeiten, in dem man einfach den Bienenstock um ein paar Meter versetzt und um 180° Grad dreht so daß das Flugloch dann auf der Gegenseite mündet. An dem alten Ort wird eine leere Beute gestellt. In diese neue Beute gibt man einige Waben und eine Königin in einem Gitterkäfig. Die alten Sammelbienen, die auf den Zentimeter genau auf die Stelle des ehemaligen Flugloches orientiert sind, fliegen vom versetztem Stock ab und kehren zu ihrem gewohnten Flugloch, d.h., zur neuen, leeren Beute zurück. Das hat zur Folge, daß schon nach wenigen Stunden die Altbienen die neue Beute am alten Standort bevölkern und das Muttervolk ohne Sammelbienen dasteht. Damit haben wir zwei neue Völker gebildet, die aus zwei unterschiedlichen Arbeitsgruppen bestehen. Das eine hat ausschließlich Jungbienen, das andere nur alte Feldbienen.

Wir haben dadurch für beide Völker eine kritische Situation heraufbeschworen. Die Frage ist, ob sie diese Situation meistern können. Ob im Altvolk, wo keine Ammenbienen mehr das sind, die Brut weitergepflegt werden kann und ob im Jungvolk, wo es an Sammelbienen fehlt, die Futterversorgung noch garantiert ist.

Es hat sich gezeigt, daß in beiden Situationen die Völker eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit besitzen. Im Altvolk haben sich jene Bienen, die sich noch einigermaßen jugendlich fühlten, sofort an die Pollen- und Nektartöpfe gemacht, haben ihren Fettkörper und ihre Ammendrüsen sehr rasch regeneriert und alsbald konnte man beobachten, wie sie wiederum das Ammengeschäft aufnahmen, d.h., die Larven fütterten, obwohl sie längst über das Alter der Ammenbienen hinaus waren. Sie haben eine echte Verjüngungskur durchgemacht, die allein durch die Bedürfnisse der Gemeinschaft verursacht wurde.

Im Jungvolk schien zunächst das Experiment in einer Katastrophe zu enden. Am zweiten Tag schon war alles eingebrachte Futter aufgebraucht und einige Bienen sah man verhungert am Boden der Beute liegen. Keine der jungen unerfahrenen Bienen war imstande, Futter aus den umliegenden Feldern einzuholen, wo Nektar und Pollen reichlich angeboten waren.

Am dritten Tage aber änderte sich die Lage. Einige der ältesten Bienen wagten erste Orientierungsflüge ins Gelände, immer weiter und weiter und schließlich kamen sie mit Nektar und Pollen beladen zurück, obwohl sie erst 6 oder 8 Tage alt waren und ihre wohlentwickelten Kopfdrüsen sie noch als Ammenbienen auswiesen. Sie haben zwei wichtige Lebensphasen, die Brutpflege und die Bautätigkeit übersprungen, sind vorzeitig zu "Altbienen" geworden und haben dadurch das Volk gerettet.

Auf solche Weise erfolgte also im Jungvolk wie im Altvolk eine Reorganisation der Arbeitsteilung entsprechend den sozialen Erfordernissen, eine Umstellung, die nicht den normalen Arbeitskalender des Einzelindividuums hineinpasste. Und jetzt kommt die entscheidende Frage: Wer hat diese radikale Umstellung befohlen und geleitet? Wie wurden die einzelnen Bienen darüber informiert, daß das Volk einer Katastrophe entgegengeht? Wer gab ihnen die Anweisung, daß sie ihre Tätigkeit entsprechend umstellen sollten?

Um diesem Problem nachzugehen schien es notwendig, eine einzelne Biene unter ganz normalen Bedingungen vom ersten Lebenstag an bis zu ihrem Tod unter dauernder Beobachtung zu halten. Diese Experimente machte Martin Lindauer ein Schüler von Max von Frisch. Er baute ein Beobachtungskästchen, was eine genaue Beobachtung aller Tätigkeiten möglich machte und kennzeichnete eine Biene mit einem Farbtupfer. Mit einer Stoppuhr wurde Tag und Nacht jede Tätigkeit der betreffenden Biene festgehalten. Es stellte sich unerwartet heraus, daß auch unter normalen Bedingungen die Arbeitsteilung nicht so festgelegt ist, wie man das früher annahm. Im großen und ganzen hält sich zwar die einzelne Biene an den beschriebenen Arbeitskalender, aber sie kann davon vielfältig abweichen, d.h., jede Biene kann in ihrer "Freizeit" auch für andere Aufgaben herangezogen werden, und dies hängt wieder ganz davon ab, wo gerade ein Arbeitsplatz leer steht. Erst diese Wandelbarkeit des Arbeitskalenders garantiert die volle Harmonie im Sozialverband des Bienenstaates.

Überraschenderweise geschieht diese Verständigung nicht durch spezifische Anordnungen, die von einer Biene an eine andere weitergegeben werden. Ein anderes und viel einfacheres Prinzip wird hier angewandt: Jede Biene holt sich selbst die nötige Information über das, was jeweils im Stock zu tun ist. Das kann sie dadurch, daß sie in ausgedehnten Patrouillengängen die Zellen inspiziert, dabei erfährt sie, ob diese schon gereinigt und für die Eiablage vorbereitet sind, ob eine Larvenzelle neues Futter braucht oder ob die Larven sich schon zur Verpuppung vorbereiten und daher die Zelle gedeckelt werden muß. Wabengassen und abgelegene Ecken werden nach Unrat abgesucht, der dann auch weggeschafft wird, und an den verschiedenen Baustellen wird man da und dort noch eine Lücke finden, wo man einspringen kann. Nur für die Sammeltätigkeit werden die Stockbienen durch ein spezifisches Alarmsystem angeworben.

Soviel zu den Honigbienen. Ich möchte aber beim Thema "Bienen in unserer Umwelt" noch auf die vielen, vielen sogenannten Wildbienen kommen, die nicht staatenbildend sind, aber von den meisten Menschen unerkannt bei uns leben und die meine Lieblinge sind.

Wildbienen

Die Wildbienen gehören zu der in Deutschland artenreichsten Insektenordnung. Innerhalb der Hautflügler zählen die Bienen (Apoidea) zu den Stechimmen (Hymenoptera Aculeata).

Bei dem Begriff "Bienen" denken die meisten Menschen nur an eine einzige ganz bestimmte Insektenart nämlich die Honigbiene des Imkers. Tatsächlich gibt es aber außer der Honigbiene noch viele andere Bienenarten, die in der Regel vom Laien nicht als solche erkannt, sondern mit Wespen, Fliegen oder mit Honigbienen verwechselt werden. Da diese Bienen nur in Ausnahmefällen gehalten werden (z.B.als Bestäuber in der Pflanzenzüchtung), sondern wildlebende Insekten sind, werden sie als "Wildbienen" bezeichnet. Zu ihnen gehören auch die bekannteren Hummeln. In Mitteleuropa gibt es etwa 700 Wildbienenarten. Auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland sind es über 500.

Wildbienen sind vom Frühjahr bis zum Herbst in den verschiedensten Landschaften zu sehen. Das Artenspektrum unterscheidet sich auf Grund der vorhandenen Lebensräume als auch der verschiedenen Jahreszeiten.

Pollen ist der Hauptbestandteil der Larvennahrung. Einige Wildbienenarten sind oligolektisch, d.h., sie sammeln Pollen ausschließlich an einer Pflanzenart oder nahe verwandten Arten. Polylektische Bienenarten zeigen keine Spezialisierung an eine pflanzenfamilie. Da oligolektische Bienenarten ohne ihre Nahrungspflanzen nicht existieren können, fehlen sie überall dort, wo diese Pollenquellen nicht vorkommen, selbst wenn günstige Nistplätze vorhanden sind. Diese Spezialisten sind bei Eingriffen in die Landschaft besonders gefährdet. 30 % der nestsuchenden Bienenarten in Deutschland sind oligolektisch.

Die Lebensweise der Wildbienen

Um einen Eindruck von der Lebensweise der Wildbienen zu bekommen, werden als Beispiel je ein Vertreter der Steilwandbewohner, der Erdbewohner, der Morschholzbewohner, der Bewohner markhaltiger Stengel und der Bewohner von Hohlräumen aller Art beschrieben (in Anlehnung an WESTRICH (1989).

1. Steilwandbewohner bauten ihre Nester in der vom Menschen noch unveränderten Landschaft in Abbrüchen und steilen Wänden der Prallhänge von Flüssen. Als Ersatznistplätze werden in der Kulturlandschaft auch Steilwände in Hohlwänden und in aufgelassenen Sand- und Lehmgruben besiedelt. Einige Arten sind in die menschlichen Siedlungen eingewandert und bauen ihre Nester im lehmverfugten Gemäuer. Die Pelzbiene Anthophora acervorum siedelt in ganz Europa, vor allem in Lagen unter 500 m. Ihr Vorkommen wird weitgehend durch das Angebot von geeigneten Nistplätzen bestimmt. Sie lebt an steilwandigen Flußufern, in Sand-, Kies- und Lehmgruben sowie in Dörfern und Städten. Nistplätze sind Steilwände und Abbruchkanten (Sand, Löß, Lehm), Trockenmauern und unverputzte Wände von alten Häusern, Scheunen und Ställen, deren Fugen mit Kalkmörtel oder Lehm verfugt sind.

Sie nistet in selbstgegrabenen Hohlräumen, unter günstigen Umständen in größeren Ansammlungen von 150 und mehr Nestern. Die Brutzellen liegen meist nur 3 - 5cm tief. Häufig liegen 2 - 3 sich verzweigende Gänge hinter dem Nesteingang. Die Anordnung der länglich eiförmigen Brutzellen ist linear oder unregelmäßig. Die Innenwände werden mit einem wachsartigen Sekret ausgekleidet. Der Nahrungsbedarf für die Brut besteht aus einem breiigem Pollen-Nektar-Gemisch. Diese Pelzbiene sammelt als polylektische Art Pollen und Nektar an 10 Pflanzenfamilien wie: gewöhnliches Lungenkraut (Pulmonaria officinalis), Weißklee (Trifolium repens ), Schwertlilie (Iris), gefleckte Taubnessel (Lamium maculatum), weiße Taubnessel (L.album) rote Taubnessel (L purpureum), Tulpe (Tulipa tarda), Apfel (Malus domestica), Birne (Pyrus communis), Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys). Sie fliegt von Anfang April bis Anfang Juni und überwintert als Imago in der Brutzelle.

2. Zu den Erdbewohnern, d.h., im Erdboden nistenden Arten, gehört die Sandbiene (Andrena nitida). Sie ist in ganz Europa verbreitet. Wälder, Waldränder, Feldhecken, trockene Feldwiesen, Streuobstwiesen, Magerrasen, Brachen, Sand-, Kies- und Lehmgruben, Siedlungsbereich (Gärten und Parks), Böschungen und Raine oder Feldränder sind ihr Areal. Eine Bevorzugung bestimmter Bodenarten ist nicht festzustellen. Die Brutröhren werden in selbstgegrabenen Hohlräumen in der Erde angelegt, gelegentlich in großen Ansammlungen. Die Sandbiene ist eine polylektische Art und sammelt an 17 Pflanzenfamilien. Pollenquellen sind unter anderen: Feld-Ahorn (Acer campestre), Spitzahorn (Acer platanoides), Wiesenkerbel (Anthriscus sylvestris), Löwenzahn (Taraxacum offizinale), Raps (Brassica napus), roter Hartriegel (Cornus sanguinea), schwarze Johannisbeere (Ribes nigrum), gefleckte Taubnessel (Lamium maculatum), scharfer Hahnenfuß (Ranunculus acris), Süßkirsche (Prunus avium), Zwetschke (Prunus domestica), Birne (Pyrus communis),und Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys). Ihre Flugzeit reicht von Mitte April bis Anfang Juni.

3. Als Bewohner von morschen Holz ist die Blattschneiderbiene Megachile willughbiella wahrscheinlich in ganz Deutschland verbreitet. Sie lebt an Waldrändern, Waldlichtungen und auch im Siedlungsbereich in Gärten und Parks. Als Nistplätze dienen morsche Baumstümpfe und Äste, morsche Balken von Holzschuppen, morsches Dachgebälk von Scheunen und Abrißgebäuden. Sie nistet in selbstgegrabenen Gängen in morschem Holz, aber auch in vorhandenen Hohlräumen wie z.b. in Käferfraßgängen, in totem Holz unter der Rinde, in verlassenen Nestern von Pelzbienen, in Fugen von Fachwerkwänden und Trockenmauern.Die Brutzellen werden aus Blattstücken von Wildrosen (Rosa), Hainbuche (Carpinus betulus), Eiche (Quercus) oder Robinie (Robinia) gefertigt.

Diese Blattschneiderbiene sammelt auf 5 Pflanzenfamilien Pollen und Nektar. Ihre Pollenquellen sind: gewöhnliche Kratzdistel (Cirsium vulgare), Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia), Pfirsichblättrige Glockenblume (C. persicifolia), Nesselblättrige Glockenblume (C. trachelium), Marien-Glockenblume (C.medicum), Felsenfetthenne (Sedum reflexum), Gewöhnlicher Hornklee (Lotus corniculatus), dornige Hauhechel (Ononis spianosa), Weißklee (Trifolium repens), und Waldweidenröschen (Epilobium angustifolium). Ihre Flugzeit beläuft sich auf Ende Juni bis Ende August. Sie überwintert als Ruhelarve im Kokon.

4. Ein Vertreter der Bewohner markhaltiger Stengel ist unter anderen die Maskenbiene Hylaeus brevicornis. Diese Art ist in ganz Europa verbreitet. Ihr Lebensraum sind lichte Auenwälder , Waldränder, Feldhecken, Brombeergebüsche, aufgelassene Sand-, Kies- und Lehmgruben, Steinbrüche, Streuobstwiesen, trockenwarme Ruderalstellen; regelmäßig auch im Siedlungsbereich, in Gärten und Parks.

Sie nistet in dürren Zweigen von Brombeeren und Himberen und in Käferfraßgängen in altem Holz. Die Nester enthalten 2 - 7 Brutzellen. Pollensammelnde Weibchen wurden auf Bärenklau (Heracleum sphondylium), Wilde Möhre (Daucus carota), Berg- und Sandrapunzel (Jasione montana), Fetthenne (Sedum), und Brombeeren (Rubus) beobachtet. Die Flugzeit dieser Biene beginnt Anfang Juniund endet Anfang September. Sie überwintert als Ruhelarve.

5. Zu den Bewohnern von Hohlräumen aller Art gehört die Mauerbiene Osmia rufa. Sie ist nahezu flächendeckend verbreitet. Ihr Lebensraum sind Waldränder, Waldlichtungen, Kahlschläge, Streuobstwiesen und Feldhecken. Sie ist regelmäßig im Siedlungsbereich zu finden. Als Nistplätze dienen Löß- und Lehmwände, Trockenmauern, Totholzstrukturen, Bombeerhecken mit dürren Ranken,alte Holzschuppen und -gebäude, Nistplätze und Nahrungsräume sind in der Regel getrennt.

Osmia rufa nistet in vorhandenen Hohlräumen verschiedenster Form und Größe. Keine andere Mauerbiene weist in der Wahl ihres Nistplatzes eine ähnlich hohe Flexibilität auf. Bekannt geworden sind folgende Nistplätze: Insektenfraßgänge in Holz, Ritzen von Fensterrahmen, Löcher in Löß-und Lehmwänden, alte Nester von Pelzbienen (Anthophora acervorum), Schilfrohr von Reetdächern, Löcher von Strangfalzziegeln, eine leere Streichholzschachtel, eine Patronenhülse, ein Türschloß und ähnliches. Ich selbst fand ihre Brutzellen in leeren Hummelbeuten, in Schutzkästen von Bienenköniginnen und anderem mehr. Sie besiedelt sehr schnell ihr angebotene Nisthilfen, wie zum Beispiel Bohrungen in Holz, Bambusröhrchen, Schilfhalme, Papiertrinkhalme oder Papphülsen. In Bohrungen und Pflanzenstengeln sind die Nester Linienbauten mit bis zu 20 Brutzellen. In größeren Hohlräumen dagegen können bis zu 30 Brutzellen recht unregelmäßig aneinander gebaut sein. Als Baumaterial dienen an Gewässerrändern oder sonstigen feuchten Stellen gesammelte Erde oder Lehm. Der Mörtel wird mit Speichel durchmischt.

Die häufig vorkommende Mauerbiene ist eine ausgesprochen polylektische Art, sie besucht 8 Pflanzenfamilien, wobei sie eine große Blütenstetigkeit aufweist, wenn in unmittelbarer Nähe des Brutplatzes ein ausreichendes Pollenangebot einer Pflanzenart (z.B.Quercus oder Rubus) vorhanden ist. Pollenquellen sind unter anderen: Spitzahorn (Acer platanoides), Feldahorn (A. campestre), Bergahorn (A. pseudoplatanus), Stechpalme (Ilex aquifolium), Raps (Brassica napus), Ackersenf (Sinapis alba), Esparsette (Onobrychis viciifolia).

Mehr als die Hälfte der etwa 500 Wildbienenarten in Deutschland stehen auf der "Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten". 28 Arten sind bereits ausgestorben. Die bedrohliche Bestandssituation führte zur Bundesartenschutzverordnung vom 19.12.1986, in welcher alle heimischen Arten von Hummeln und Bienen unter Schutz gestellt worden sind. Die hochspezialisierten Wildbienen reagieren empfindlich auf Beeinträchtigungen ihres Lebensraumes. Durch gedankenlose Vernichtung ihrer Nistplätze und Nahrungsquellen ist ihr Bestand hochgradig gefährdet. Sofern keine entscheidenden Maßnahmen zum Schutz der als Bestäuberinsekten im Haushalt der Natur so bedeutenden Wildbienen unternommen werden, wird es nicht mehr zu schließende Lücken geben.

Allgemein bekannt sind die vom Imker betreuten Honigbienen. Wildbienen sind der Bevölkerung weitgehend unbekannt und sind doch auf Grund ihrer großen Artenfülle, ihrer weiten Verbreitung und ihrer vielfältigen Anpassungen als Bestäuber von Wild- und Nutzpflanzen unverzichtbar. Zahlreiche Blütenpflanzen werden von Honigbienen wegen zu geringen Nektarangebotes oder zu geringer Bestandesdichte ignoriert oder auch wegen eines komplizierten Blütenmechanismus (z.B. Luzerne) selten besucht. Honigbienen lieben Massentrachten wie z.B. Rapsfelder oder blühende Linden. Wildbienen finden sich auch in Massentrachten, begnügen sich aber ebenso mit Obst-und Beerenkulturen, Wild- und Heilkräutern sowie Gartenblumen, die nur in geringer Dichte vorhanden sind. So diente zum Beispiel mein Bienenweidegarten , mit Stauden sowie Heil- und Gewürzpflanzen fast ausschließlich den Wildbienen als Nahrungsquelle, während die Honigbienen erst mit dem Versiegen der großen Trachtquellen im Herbst Interesse zeigten.