Beobachtungen an Wildbienen im Raum Gatersleben

Ute Michaelis


1. Allgemeines

Die Wildbienen gehören zu der in Deutschland artenreichsten Insektenordnung. Innerhalb der Hautflügler zählen die Bienen (Apoidea) zu den Stechimmen (Hymenoptera Aculeata).

Bei dem Begriff "Bienen" denken die meisten Menschen nur an eine einzige ganz bestimmte Insektenart nämlich die Honigbiene des Imkers. Tatsächlich gibt es aber außer der Honigbiene noch viele andere Bienenarten, die in der Regel vom Laien nicht als solche erkannt, sondern mit Wespen, Fliegen oder mit Honigbienen verwechselt werden. Da diese Bienen nur in Ausnahmefällen gehalten werden (z.B.als Bestäuber in der Pflanzenzüchtung), sondern wildlebende Insekten sind, werden sie als "Wildbienen" bezeichnet. Zu ihnen gehören auch die bekannteren Hummeln. In Mitteleuropa gibt es etwa 700 Wildbienenarten. Auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland sind es über 500.

Wildbienen sind vom Frühjahr bis zum Herbst in den verschiedensten Landschaften zu sehen. Das Artenspektrum unterscheidet sich auf Grund der vorhandenen Lebensräume als auch der verschiedenen Jahreszeiten.

Pollen ist der Hauptbestandteil der Larvennahrung. Einige Wildbienenarten sind oligolektisch, d.h., sie sammeln Pollen ausschließlich an einer Pflanzenart oder nahe verwandten Arten. Polylektische Bienenarten zeigen keine Spezialisierung an eine pflanzenfamilie. Da oligolektische Bienenarten ohne ihre Nahrungspflanzen nicht existieren können, fehlen sie überall dort, wo diese Pollenquellen nicht vorkommen, selbst wenn günstige Nistplätze vorhanden sind. Diese Spezialisten sind bei Eingriffen in die Landschaft besonders gefährdet. 30 % der nestsuchenden Bienenarten in Deutschland sind oligolektisch.

2. Die Lebensweise der Wildbienen

Um einen Eindruck von der Lebensweise der Wildbienen zu bekommen, werden als Beispiel je ein Vertreter der Steilwandbewohner, der Erdbewohner, der Morschholzbewohner, der Bewohner markhaltiger Stengel und der Bewohner von Hohlräumen aller Art beschrieben (in Anlehnung an WESTRICH (1989).

1. Steilwandbewohner bauten ihre Nester in der vom Menschen noch unveränderten Landschaft in Abbrüchen und steilen Wänden der Prallhänge von Flüssen. Als Ersatznistplätze werden in der Kulturlandschaft auch Steilwände in Hohlwänden und in aufgelassenen Sand- und Lehmgruben besiedelt. Einige Arten sind in die menschlichen Siedlungen eingewandert und bauen ihre Nester im lehmverfugten Gemäuer. Die Pelzbiene Anthophora acervorum siedelt in ganz Europa, vor allem in Lagen unter 500 m. Ihr Vorkommen wird weitgehend durch das Angebot von geeigneten Nistplätzen bestimmt. Sie lebt an steilwandigen Flußufern, in Sand-, Kies- und Lehmgruben sowie in Dörfern und Städten. Nistplätze sind Steilwände und Abbruchkanten (Sand, Löß, Lehm), Trockenmauern und unverputzte Wände von alten Häusern, Scheunen und Ställen, deren Fugen mit Kalkmörtel oder Lehm verfugt sind.

Sie nistet in selbstgegrabenen Hohlräumen, unter günstigen Umständen in größeren Ansammlungen von 150 und mehr Nestern. Die Brutzellen liegen meist nur 3 - 5cm tief. Häufig liegen 2 - 3 sich verzweigende Gänge hinter dem Nesteingang. Die Anordnung der länglich eiförmigen Brutzellen ist linear oder unregelmäßig. Die Innenwände werden mit einem wachsartigen Sekret ausgekleidet. Der Nahrungsbedarf für die Brut besteht aus einem breiigem Pollen-Nektar-Gemisch. Diese Pelzbiene sammelt als polylektische Art Pollen und Nektar an 10 Pflanzenfamilien wie: gewöhnliches Lungenkraut (Pulmonaria officinalis), Weißklee (Trifolium repens ), Schwertlilie (Iris), gefleckte Taubnessel (Lamium maculatum), weiße Taubnessel (L.album) rote Taubnessel (L purpureum), Tulpe (Tulipa tarda), Apfel (Malus domestica), Birne (Pyrus communis), Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys). Sie fliegt von Anfang April bis Anfang Juni und überwintert als Imago in der Brutzelle.

2. Zu den Erdbewohnern, d.h., im Erdboden nistenden Arten, gehört die Sandbiene (Andrena nitida). Sie ist in ganz Europa verbreitet. Wälder, Waldränder, Feldhecken, trockene Feldwiesen, Streuobstwiesen, Magerrasen, Brachen, Sand-, Kies- und Lehmgruben, Siedlungsbereich (Gärten und Parks), Böschungen und Raine oder Feldränder sind ihr Areal. Eine Bevorzugung bestimmter Bodenarten ist nicht festzustellen. Die Brutröhren werden in selbstgegrabenen Hohlräumen in der Erde angelegt, gelegentlich in großen Ansammlungen. Die Sandbiene ist eine polylektische Art und sammelt an 17 Pflanzenfamilien. Pollenquellen sind unter anderen: Feld-Ahorn (Acer campestre), Spitzahorn (Acer platanoides), Wiesenkerbel (Anthriscus sylvestris), Löwenzahn (Taraxacum officinale), Raps (Brassica napus), roter Hartriegel (Cornus sanguinea), schwarze Johannisbeere (Ribes nigrum), gefleckte Taubnessel (Lamium maculatum), scharfer Hahnenfuß (Ranunculus acris), Süßkirsche (Prunus avium), Zwetschke (Prunus domestica), Birne (Pyrus communis),und Gamander Ehrenpreis (Veronica chamaedrys). Ihre Flugzeit reicht von Mitte April bis Anfang Juni.

3. Als Bewohner von morschen Holz ist die Blattschneiderbiene Megachile willughbiella wahrscheinlich in ganz Deutschland verbreitet. Sie lebt an Waldrändern, Waldlichtungen und auch im Siedlungsbereich in Gärten und Parks. Als Nistplätze dienen morsche Baumstümpfe und Äste, morsche Balken von Holzschuppen, morsches Dachgebälk von Scheunen und Abrißgebäuden. Sie nistet in selbstgegrabenen Gängen in morschem Holz, aber auch in vorhandenen Hohlräumen wie z.b. in Käferfraßgängen, in totem Holz unter der Rinde, in verlassenen Nestern von Pelzbienen, in Fugen von Fachwerkwänden und Trockenmauern.Die Brutzellen werden aus Blattstücken von Wildrosen (Rosa), Hainbuche (Carpinus betulus), Eiche (Quercus) oder Robinie (Robinia) gefertigt.

Diese Blattschneiderbiene sammelt auf 5 Pflanzenfamilien Pollen und Nektar. Ihre Pollenquellen sind: gewöhnliche Kratzdistel (Cirsium vulgare), Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia), Pfirsichblättrige Glockenblume (C. persicifolia), Nesselblättrige Glockenblume (C. trachelium), Marien-Glockenblume (C. medicum), Felsenfetthenne (Sedum reflexum), Gewöhnlicher Hornklee (Lotus corniculatus), dornige Hauhechel (Ononis spianosa), Weißklee (Trifolum repens), und Waldweidenröschen (Epilobium angustifolium). Ihre Flugzeit beläuft sich auf Ende Juni bis Ende August. Sie überwintert als Ruhelarve im Kokon.

4. Ein Vertreter der Bewohner markhaltiger Stengel ist unter anderen die Maskenbiene Hylaeus brevicornis. Diese Art ist in ganz Europa verbreitet. Ihr Lebensraum sind lichte Auenwälder , Waldränder, Feldhecken, Brombeergebüsche, aufgelassene Sand-, Kies- und Lehmgruben, Steinbrüche, Streuobstwiesen, trockenwarme Ruderalstellen; regelmäßig auch im Siedlungsbereich, in Gärten und Parks.

Sie nistet in dürren Zweigen von Brombeeren und Himberen und in Käferfraßgängen in altem Holz. Die Nester enthalten 2 - 7 Brutzellen. Pollensammelnde Weibchen wurden auf Bärenklau (Heracleum sphondylium), Wilde Möhre (Daucus carota), Berg- und Sandrapunzel (Jasione montana), Fetthenne (Sedum), und Brombeeren (Rubus) beobachtet. Die Flugzeit dieser Biene beginnt Anfang Juniund endet Anfang September. Sie überwintert als Ruhelarve.

5. Zu den Bewohnern von Hohlräumen aller Art gehört die Mauerbiene Osmia rufa. Sie ist nahezu flächendeckend verbreitet. Ihr Lebensraum sind Waldränder, Waldlichtungen, Kahlschläge, Streuobstwiesen und Feldhecken. Sie ist regelmäßig im Siedlungsbereich zu finden. Als Nistplätze dienen Löß- und Lehmwände, Trockenmauern, Totholzstrukturen, Bombeerhecken mit dürren Ranken,alte Holzschuppen und -gebäude, Nistplätze und Nahrungsräume sind in der Regel getrennt.

Osmia rufa nistet in vorhandenen Hohlräumen verschiedenster Form und Größe. Keine andere Mauerbiene weist in der Wahl ihres Nistplatzes eine ähnlich hohe Flexibilität auf. Bekannt geworden sind folgende Nistplätze: Insektenfraßgänge in Holz, Ritzen von Fensterrahmen, Löcher in Löß-und Lehmwänden, alte Nester von Pelzbienen (Anthophora acervorum), Schilfrohr von Reetdächern, Löcher von Strangfalzziegeln, eine leere Streichholzschachtel, eine Patronenhülse, ein Türschloß und ähnliches. Ich selbst fand ihre Brutzellen in leeren Hummelbeuten, in Schutzkästen von Bienenköniginnen und anderem mehr. Sie besiedelt sehr schnell ihr angebotene Nisthilfen, wie zum Beispiel Bohrungen in Holz, Bambusröhrchen, Schilfhalme, Papiertrinkhalme oder Papphülsen. In Bohrungen und Pflanzenstengeln sind die Nester Linienbauten mit bis zu 20 Brutzellen. In größeren Hohlräumen dagegen können bis zu 30 Brutzellen recht unregelmäßig aneinander gebaut sein. Als Baumaterial dienen an Gewässerrändern oder sonstigen feuchten Stellen gesammelte Erde oder Lehm. Der Mörtel wird mit Speichel durchmischt.

Die häufig vorkommende Mauerbiene ist eine ausgesprochen polylektische Art, sie besucht 8 Pflanzenfamilien, wobei sie eine große Blütenstetigkeit aufweist, wenn in unmittelbarer Nähe des Brutplatzes ein ausreichendes Pollenangebot einer Pflanzenart (z.B.Quercus oder Rubus) vorhanden ist. Pollenquellen sind unter anderen: Spitzahorn (Acer platanoides), Feldahorn (A. campestre), Bergahorn (A. pseudoplatanus), Stechpalme (Ilex aquifolium), Raps (Brassica napus), Ackersenf (Sinapis alba), Esparsette (Onobrychis viciifolia).

Mehr als die Hälfte der etwa 500 Wildbienenarten in Deutschland stehen auf der "Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten". 28 Arten sind bereits ausgestorben. Die bedrohliche Bestandssituation führte zur Bundesartenschutzverordnung vom 19.12.1986, in welcher alle heimischen Arten von Hummeln und Bienen unter Schutz gestellt worden sind. Die hochspezialisierten Wildbienen reagieren empfindlich auf Beeinträchtigungen ihres Lebensraumes. Durch gedankenlose Vernichtung ihrer Nistplätze und Nahrungsquellen ist ihr Bestand hochgradig gefährdet. Sofern keine entscheidenden Maßnahmen zum Schutz der als Bestäuberinsekten im Haushalt der Natur so bedeutenden Wildbienen unternommen werden, wird es nicht mehr zu schließende Lücken geben.

Allgemein bekannt sind die vom Imker betreuten Honigbienen. Wildbienen sind der Bevölkerung weitgehend unbekannt und sind doch auf Grund ihrer großen Artenfülle, ihrer weiten Verbreitung und ihrer vielfältigen Anpassungen als Bestäuber von Wild- und Nutzpflanzen unverzichtbar. Zahlreiche Blütenpflanzen werden von Honigbienen wegen zu geringen Nektarangebotes oder zu geringer Bestandesdichte ignoriert oder auch wegen eines komplizierten Blütenmechanismus (z.B. Luzerne) selten besucht. Honigbienen lieben Massentrachten wie z.B. Rapsfelder oder blühende Linden. Wildbienen finden sich auch in Massentrachten, begnügen sich aber ebenso mit Obst-und Beerenkulturen, Wild- und Heilkräutern sowie Gartenblumen, die nur in geringer Dichte vorhanden sind. So diente zum Beispiel mein Bienenweidegarten , mit Stauden sowie Heil- und Gewürzpflanzen fast ausschließlich den Wildbienen als Nahrungsquelle, während die Honigbienen erst mit dem Versiegen der großen Trachtquellen im Herbst Interesse zeigten.
 
 

3. Wildbienenfauna in Gatersleben

Der Beobachtungszeitraum betrifft die Jahre 1972 bis 1995. Das Beobachtungsgebiet umfaßt den "Oberhof" der ehemaligen Domäne Gatersleben und vor allem den dazu gehörenden Park.

Jahrelange Beobachtungen wiesen in Gatersleben eine erfreulich groß Artenvielfalt auf. Künstliche Nisthilfen in Form von gebündelten Schilf- oder Papierhalmen sowie Hartholzstücken mit gebohrten Gängen von 3 -10 mm Durchmesser wurden 15 Jahre lang ignoriert. Einzige Ausnahme bildeten verschiedene Hummelarten, die in angebotenen "Hummelbeuten" mit Schneiderwattefüllung sehr gern und häufig ihre Kolonien anlegten.

Wildbienen bauten an erstaunlichen Plätzen ihre Brutzellen. So legten z.B. mehrere Blattschneiderbienen (Megachile) zwischen die Berührungskanten der Abdeckkissen einer Bienenbeute ihre Brutröhren an. Das Schlüsselloch eines Bienenwanderwagens diente viele Jahre einer Mauerbiene (Osmia) als Nistplatz-, was auch zeigt, daß Wildbienengenerationen immer wieder dieselben Brutstätten benutzen. Ein schmaler Spalt zwischen Fenster und Mauer diente einer Blattschneiderbiene (Megachile) als Nistplatz. Nur die von mir aufgestellten Utensilien auf dem Balkon blieben ungenutzt.

Erst seit dem Frühjahr 1995 wurden alle künstlichen Nisthilfen sehr intensiv belegt. Die Mauerbienen (Osmia rufa und O.cornuta) waren die ersten Besiedler. Ihnen folgten Blattschneiderbienen (Megachile centuncularis und M. willughbiella), eine Kuckucksbiene, verschiedene solitäre Falten-, Weg und Grabwespen sowie eine mir noch unbekannte Schlupfwespe, die die bereits zugemauerten Brutröhren von solitären Wespen anstachen, damit ihre Nachkommenschaft in den sich entwickelnden Larven parasitieren konnte.

Was war die Ursache des plötzlichen Wandels ?

Die Domäne Gatersleben gehörte von 1946 bis 1990 dem Institut für Genetik und Kulturpflanzenforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR. 1991 kaufte die Gemeinde Gatersleben das Grundstück und ließ den alten naturbelassenen Gutspark im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen mit preußischer Gründlichkeit "in Ordnung" bringen. Der Park wurde fast vollständig entbuscht, tote Bäume und Äste abgesägt und größtenteils sogleich verbrannt. Die Parkwege wurden verbreitert, tief ausgeschachtet und geschottert. Gerade an den Wegrändern und in der Gebüschzone hatten jahrzehntelang viele verschiedene Bienenarten ihre Nistplätze angelegt. Innerhalb eines Jahres wurden die Nistplätze der erdbewohnenden Bienenarten (Wegränder) und der im Totholz brütenden Arten sowie die Nahrungsquellen vieler unterschiedlicher Bienen und anderer Insekten vernichtet.

Wertvolle Nektarspender wie z.B. Brombeere (Rubus), die nicht nur als Nektar- und Pollenspender , sondern auch zahlreichen Bienen in ihren markhaltigen Stengeln Nistplätze bietet, Heckenrosen (Rosa canina und R. multiflora) waren zahlreich vertreten und dienten vielen verschiedenen Wildbienenarten als Nahrungsquelle. Einige Sandbienen z.B. Andrena eximia und A. jacobi zeigen eine deutliche Vorliebe für Rosengewächse. In Mitteleuropa sind zwei oligolektische Bienenarten, spezialisiert auf Rosengewächse, bekannt.

Vor und in der Gebüschzone waren Felder von hohlem Lerchensporn (Corydalis cava) sowie gefleckte, weiße und rote Taubnesseln (Lamium maculatum, L. album und L. purpureum). Vor allem die letztgenannten wurden das ganze Jahr über von vielen verschiedenen Bienenarten besucht. Nur Reste dieser Nahrungspflanzen sind verblieben.

Wurde vor dem Besitzerwechsel nur einmal im Jahr gemäht, so werden jetzt etwa vier mal im Sommer die Wiesen kurz geschoren, so daß kaum noch Blüten als Nahrungsquelle vorhanden sind. Ohne geeignete Blütenpflanzen ist die Vermehrung der Wildbienen, die natürlicherweise keine große Vermehrungsrate haben, nicht möglich. Pollen bildet den unentbehrlichen Bestandteil der Bienenlarvennahrung.

Gewöhnlicher Hornklee (Lotus corniculatus) ist mit über 50 verschiedenen Blütenbesuchern als Nahrungquelle von höchster Bedeutung, scharfer Hahnenfuß (Ranunculus acris) wird von zahlreichen Wildbienen als Nektar- und reichliche Pollenquelle genutzt. Die Scherenbiene (Chelostoma florisomne) ist oligolektisch und auf Ranunculus angewiesen.

Löwenzahn (Taraxacum officinale) hat ein reiches Besucherspektrum von über 70 Bienenarten. Der Gamanderehrenpreis (Veronica chamaedrys) wird von zahlreichen Wildbienenarten als Nektarquelle genutzt, dient aber auch als Pollenspender. Für die oligolektische Sandbiene Andrena viridescens ist er sogar die Hauptpollenquelle. Die genannten Blütenpflanzen stellen nur einen Teil der Nahrungspflanzen dar, die bis vor zwei Jahren für zahlreiche Bienenarten als Pollen- und Nektarspender reichlich vorhanden waren.

An den Außenwänden des Haupthauses der Domäne, jetzt Gemeindeverwaltung, wurden im Rahmen der AB-Maßnahmen Ritzen und Löcher mit Zementmörtel zugeschmiert, in denen jahrzehntelang Steilwandbewohner ihre Nistplätze hatten.

Ohne ersichtlichen Grund wurden 1996 nicht mehr genutzte Schrebergärten kahl geschlagen. Das angefallene Holz wurde verbrannt. Mit dieser Arbeitsbeschaffungsmaßnahme sind nicht nur ganze Bienengenerationen verbrannt, sondern Nahrungsquellen und Nistplätze in großer Zahl vernichtet worden.

Ein weiterer Grund für den augenfälligen Rückgang der Wildbienen ist der Tatsache zuzuschreiben, daß seit einigen Jahren Lehmziegelbauten, d.h., von verfallenden ehemals zum Gut gehörenden Wohnhäusern und Scheunen der Kleinhöfe wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Zu einem Abriß wurde ich geholt, weil man der Meinung war, meine Honigbienen seien ausgerissen. Nie zuvor habe ich eine solche Menge verschiedener Wildbienen gemeinsam an einem Ort gesehen. Obwohl ich versuchte, so viele wie möglich zu retten, konnte nur ein ganz kleiner Prozentsatz im kommendem Frühjahr schlüpfen. Weitere baufällige und zu Ruinen gewordene Bauten wurden und werden in nächster Zeit abgerissen. Auch dort konnte ich im vergangenen Sommer 1995 pollenbeladene Wildbienen beobachten.

Eine Scheune in einem Hinterhof wurde mir von den Leuten gezeigt, die vor 2 Jahren ihre baufällige Scheune abgerissenn hatten und die über den Wildbienenschutz aufgeklärt worden waren. Es ist eine Frage der Zeit, wann diese eben entdeckte Scheune, die ein wahres Lochmuster von Brutröhren in ihren Lehmwänden aufweist, dem Abrißbagger zum Opfer fällt.

Seitdem sich die oben geschilderten Vorgänge abspielten, fehlen im hiesigen Umfeld verschiedene Bienenarten. So konnte ich in den letzten beiden Jahren (1994 und 1995) die Sandbienen (Andrena nitida) und die Mauerbienen (Osmia rufa), die durch ihr massenhaftes Auftreten auf der Traubeneiche (Quercus petraea) und der Stieleiche (Quercus robur) aufgefallen waren, nur noch vereinzelt finden.

Weiterhin traten die Sandbienen Andrena clarkella (legt bevorzugt auf Wegen ihre Nester an und sammelt ausschließlich auf Weiden Pollen), Andrena barbilabris (nistet in der Erde in selbstgegrabenen Hohlräumen), Andrena fulva (nistet auf Wegen, an Wegrändern, in Pflasterfugen, unter Hecken, auch in Parkrasen) und Andrena nitida (nistet ebenfalls in selbst gegrabenen Hohlräumen) in der Erde, nicht mehr bzw. selten in Erscheinung.

Das Ausbleiben speziell dieser Bienen war besonders aufgefallen, weil sie ein sehr auffälliges Pelzkleid besitzen, welches an kleine Hummeln erinnert. Jahrzehntelang habe ich sie gesehen und beobachtet. Viele andere, die ein weniger markantes Aussehen haben, werden verschwunden sein. Nicht zuletzt drückt sich das in den Totfunden aus, die von ca.40 Exemplaren im Jahre 1993 kontinuierlich zurückgegangen sind und im letzten Jahr nur noch 8 Tiere betrugen. Gewiß ist das keine fundierte wissenschaftliche Aussage, deckt sich aber mit meinen anderen Beobachtungen.

Die Bilanz des Wildbienenrückgangs ist erschreckend und bedarf einschneidender Maßnahmen zu ihrem Schutz. Da die Zerstörung der Lebensräume an der Spitze der Gefährdungsursachen steht, muß deren Erhaltung das wichtigste Ziel sein. Zu bedenken ist auch, daß die Honigbienenhaltung in den neuen Bundesländern nach 1990 stark zurückgegangen ist und damit wichtige Bestäuber für Obstbau und Landwirtschaft fehlen. Auch dieser Umstand unterstreicht die landschaftsökologische Bedeutung der Wildbienen und zeigt, wie wichtig deren Erhaltung einschließlich ihrer artspezifischen Nahrungsquellen, der Nistplätze und des Baumaterials ist.

4. Vorschläge für Maßnahmen zum Schutz der Wildbienen

Sind die mit Bienen besiedelten Lehmwände der baufälligen Gebäude nicht mehr zu erhalten, wie es sich zum großen Teil in Gatersleben ergibt, sind rechtzeitig Ersatzmaßnahmen durchzuführen. Jahre vor der Zerstörung eines Wildbienenlebensraumes sollten Ersatzbauten in der noch vorzufindenden "Sparbauweise" errichtet werden. Ein Gelände müßte zur Verfügung gestellt werden, welches Möglichkeiten zur Schaffung von Nistplätzen, Nahrungsquellen und Nistmaterial bietet. Das bisher bei Sanierungsarbeiten verbrannte Tot- und Morschholz könnte auf diesem Gelände fachgerecht gelagert werden.Die darin befindlichen Bienen könnten schlüpfen und viele Generationen von Morschholzbewohnern hätten einen Nistplatz.

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt für den Wildbienenschutz ist die Aufklärung der Bevölkerung. Das beste Gesetz kann nicht greifen, wenn das zu schützende Objekt weitgehend unbekannt ist. Diese Aussage ist begründet, da zahlreiche Besucher meines Balkons, der mit künstlichen Nisthilfen ausgestattet ist, großes Interesse zeigen, begeistert von dem Brutverhalten der dort nistenden Bienen sind und selbst Nisthilfen in ihren Gärten aufstellen wollen.

Umweltinteressierten Menschen sollte Gelegenheit gegeben werden, die Bestäubertätigkeit, die Nistplatzeigenheiten und das Brutverhalten der Wildbienen vorgestellt zu bekommen. Aufgezeigt werden sollte, wie jeder Einzelne einen kleinen Beitrag durch Aufstellen künstlicher Nisthilfen und Anbau bienengerechter Balkon- und Gartenblumen, zum Erhalt der Bestäuberinsekten leisten kann. Auch Veröffentlichungen in der Tagespresse und Sendungen im Fernsehen könnten die Lebensweise und die Bedürfnisse der Wildbienen einer breiten Öffentlichkeit näher bringen.

Eine Fotodokumentation über die noch vorhandenen Wildbienenarten sollte erarbeitet, Brutplätze erkundet und unter Schutz gestellt werden. Natürlich sind die angesprochenen Maßnahmen nicht ausreichend, um die Wildbienen wirksam zu schützen. Es wäre aber ein erster Schritt den weiteren Rückgang der Wildbienenpopulationen aufzuhalten. Falsch verstandener Ordnungssinn hat in den letzten Jahren dazu geführt, mit Hilfe von AB-Maßnahmen kleine und größere, in Jahren gewachsene natürliche Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu zerstören. So sind zum Beispiel im Gaterslebener Park von 7 Nachtigall-Brutpaaren nach der Sanierungsaktion zwei Brutpaare übrig geblieben. Die Wildbienen reagieren sehr empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraumes. Sehr schnell müssen Maßnahmen getroffen werden, um diesem Vernichtungsfeldzug entgegenzuwirken.